Extreme - Saudades De Rock

9.5 von 10 Punken


Erscheinungsjahr
2008

Label
Frontiers Records

Besetzung
Gesang – Gary Cherone
Gitarre – Nuno Bettencourt
Bass – Pat Badger
Schlagzeug – Kevin Figueiredo


Tracklist
1. Star
2. Comfortably Dumb
3. Learn To Love
4. Take Us Alive
5. Run
6. Last Hour
7. Flower Man
8. King Of The Ladies
9. Ghost
10. Slide
11. Interface
12. Sunrise
13. Peace (Saudade)
14. Americocain (Demo 1985 / Europäischer Bonustrack)


Datum: 10.08.2008 - Autor Psychobimbo
Die funkigen Heavyrocker aus Boston, waren zweifelsohne mit die innovative Bastion der frühen 90er. Als sie mehr oder weniger aus dem nichts heraus heute, also 13 Jahre nach dem unterbewerteten „Waiting For The Punchline“, die Reunion bekannt gaben, da waren die Gefühle zwischen Vorfreude, Spannung und Zweifel doch sehr gemischt.

Was uns der ehemalige Van Halen Sänger Gary Cherone und Gitarrenwunder Nuno Bettencourt hier für einen Hardrockleckerbissen vorsetzen ist so unverschämt gut, das es einen unversehens in die Ringseile kippen lässt.

13 brandneue Stücke (zuzüglich einem sleazigen Demo aus dem Jahr 1985) die einerseits jedes für sich ein Highlight darstellen, und andererseits eine bockstarke Rückkehr des unverdrossenen Heavyrocks mit dicken Klöten, technischen Finessen und gefühlvollen Ideen bieten.

Von der schmeichelnden Ballade über tanzbare Diskofeger und anspruchvollste Kleinoden bis hin zu pfundschweren Riffmonstern hat „Saudades De Rock“ das Zeug dazu eines der begeisterndsten Rockalben des Jahres zu werden. Und wer nicht komplett seine Ohren hinter dem Mond geparkt hat, der dürfte mitbekommen haben das es sich 2008 um eines der veröffentlichungsstärksten Jahre des Jahrzehnts handelt.

Ohne das spektakuläre Zusammenspiel von Bassist Pat Badger mit Neuzugang Kevin Figueiredo schmälern zu wollen, das magische Duo welches Extreme ausmacht, ist dennoch der wie ein Bastard aus Sammy Hagar, John Corabi und Chriss Cornell klingende Gary Cherone (seine reife Stimme klingt besser denn je) und der unvergleichliche Gitarrengott Nuno Bettencourt, welcher mit seinem Spiel nicht nur über Saudades sondern über der ganzen Welt thront.

Wie vorher schon erwähnt ist es eine der großen Freuden dass das Album in seiner Gesamtheit funktioniert und dennoch in seiner Vielseitigkeit in den einzelnen Nummern hinter dem Ofen hervorlockt. Die Scheibe als solche lässt sich kurz und knapp als modernes und dennoch traditionelles Hardrockalbum bezeichnen, welches alte Anhänger genauso zufrieden stellen wird wie Jungspunde, welche die Hochphase der Gruppe nicht leibhaftig erleben durfte. Neue Akzente werden ebenso sehr gesetzt wie den Einflüssen und alten Helden Tribut gezollt. Grenzen werden gesprengt, Körper zum bewegen gezwungen, Gemüter zum weinen versetzt und Musiker ins Staunen versetzt. Soweit alles klar?

Aber es sind die einzelnen Songs denen man gesondert noch Aufmerksamkeit schenken muss.

Das schon aus dem Internet bekannte „Star“ macht den Auftakt. Vor Kraft strotzend und mit einem recht schrägen Refrain ist dieser potenzielle Hit nicht nur energiegeladen genug um frechen Kritikern die Kinnlade runterklappen zu lassen, er deutet auch an das der alte Spirit von Extreme wieder voll zurück ist.

Das darauf folgende „Comfortably Dumb“ ist die Art von Song deren funky Einschlag schon beim ersten Mal hören die Hüfte zum kreisen bringt, aber erst nach dem vierten oder fünften Durchlauf schleicht sich das unterschwellige Grooven als Ohrwurm in die Gehörgänge. Hier passiert eindeutig mehr als man nach dem ein- oder zweimaligen Hören begreifen kann.

Was erwartet man von einem Lied mit dem Titel „Learn To Love“? Falsch gedacht, trotz der dezenten Lenny Kravitz Duftnote werden hier ganze Kokosnüsse geknackt und was die Rhytmusabteilung hier abpumpt ist schon schwer waffenscheinpflichtig. Nicht prätentiös aber eindeutig, so muss das sein. Eure Freundin wird sich über diesen Liebesbeweis mehr freuen als über eine schwindlige Ballade.

Huch, was ist denn „Take Us Alive“? Extreme goes Country? Aber wie, Und das in einer rasanten Geschwindigkeit! Da bleibt zwischen Nashville und Marktschellenberg mit Sicherheit kein Auge und auch keine Luftbanjosaite trocken. Ein gute Laune Garant per Excellenze, wie ihn von dieser Band wohl niemand erwartet hätte.

Der „Run“ ist der Inbegriff von coolster Lässigkeit und lässigster Coolness. Ganz klar eine der Spitzen von „Saudades De Rock“. Der stampfende Rhythmus bereitet das Feld für einen kurz vor dem Ausflippen stehenden und dennoch scheinbar eiskalten Nuno Bettencourt. Was Gary hier abzieht lässt King Kong wie ein Spielzeugplüschtier wirken. Ganz großen und unkompliziertes Rock-Kino der extraklasse.

„Last Hour“ zeigt die Band von einer anderen Seite. Schluss mit verspieltem Schwanzgewackel, her mit einer dem Blues huldigenden Klagenummer, welche sich auf dem nächsten Tarantinofilm Soundtrack gut machen würde. Hier werden in dieser Untersparte wieder sämtliche Register gezogen und gezeigt das man es kann. Besonders das Gitarrensolo mit dem eigenartigen Sound, welcher in klassischer Bluesmanier heraus bricht, das kann mal alles. Unendlich traurig und grenzenlos schön.

Gehe ich zu weit wenn ich „Flower Man“ als einen der tollsten Songs bezeichne die Extreme je verfasst haben? Ich glaube nicht, denn was hier in deftiger Hardrockart mit minimalistischem Funk ´n´ Soul kombiniert wird ist wahrlich nur mit prächtig gut beschrieben. Und was hier zwischen der 2ten und 3ten Minute passiert ist auf jeden Fall mit das wildeste, breitbeinigste und Testosterongeladendste was ich je in meinem Leben gehört habe. Alles außer der Höchstnote wäre für diesen Track eine Beleidigung. Bitte vorsichtig sein wenn man diesen Song im Auto hört.

Und schon wieder kracht eine Granate aus den Boxen. „King Of The Ladies“ nennt sich dieses Prunkstück und der Titel passt wie die Faust aufs Auge. Sollte die Nummer tatsächlich als Single erscheinen, dann wird sie höchstwahrscheinlich nur in der Apotheke gleich neben Viagra verkauft. Meine Güte, was der Nuno hier wieder abzieht ist wahrlich nicht mehr von dieser Welt.

Das man angesagte Sounds auch im Hause Extreme wahrnimmt und sich nicht scheut diese zu verarbeiten, offenbart man mit dem Lied „Ghost“. Würde da anstatt Extreme der Name Coldplay draufstehen, man würde keine Fragen stellen. Ich kann mir vorstellen das einige Leute von den Pianoklängen irritiert sein werden, aber warum sollte man nicht auch mal vor Queen den Hut ziehen? Die Chöre unterstreichen diese These noch. Wenn man sich locker macht und versucht unter die Oberfläche zu blinzeln, dann hat man mit diesem sanft epischen Lied ein neues „Estranged“ gefunden.

„Slide“ ist wohl das was man als klassischen Extreme Track bezeichnen würde. Ganz eindeutiger Funksong in dem man alles findet was hier rein gehört. Bravourös gespielt und mit ganz viel Schwung in der Leistengegend arrangiert. So was wie das hier hat man von den Red Hot Chilli Peppers schon seit 15 Jahren nicht mehr gehört. Vielleicht schick ich ihnen mal ein Tape mit diesen Track, um sie zu verunsichern. Herrlich wiedermal die Gitarrenparts.

Wenn man eh schon bei seinen eigenen Frühwerken angelangt ist, dann darf es kein Problem darstellen einen potenziellen „More Than Words“ Nachfolger einzutüten. Ob man das heute noch braucht steht auf einem anderen Blatt, aber so abgedroschen und abgenudelt wird dieses Emotionswundertütchen bestimmt nie werden. Alles sehr reduziert und doch mit dezenten Verschnörkelungen aufgepeppt. Ein perfektes Lied für Sonnenuntergänge mit viel Händchenhalten und Schmetterlingen im Bauch. Insofern ist auch „Interface“ auf der Haben Seite zu verbuchen.

Das Album nähert sich unmissverständlich dem Ende und so greift man noch einmal zum totalen Rundumschlag. „Sunrise“ ist so was von Led Zeppelin artig, hier sollten die Herrschaften schon aufpassen das nicht plötzlich ein Anwaltsschreiben von Page/Plant eintrudelt. Natürlich gibt man sich auch hier wieder Olympiareif und greift ganz tief in die Schatzkiste seines eigenen Vermögens. Wer noch nicht an das Jam Potenzial von Extreme geglaubt hat darf sich schon mal darauf freuen dieses Lied live serviert zu bekommen. Ich jedenfalls werde dies bei Konzerten lautstark einfordern.

Nun ist aber wirklich das Ende gekommen und bei einem derartigen Feuerwerk an Musik ist es schwierig einen Absprung zu schaffen. Wenn man jedoch den Mut aufbringt sich Kitschtechnisch mit John Lennons „Imagine“ anzulegen, dem darf nur gratuliert werden. Es ist wie immer eine Gradwanderung ob man mit einer Pianoballade auf der Bullshit- oder auf der Huldigungsseite liegt, aber auch hier haben sich Gary, Nuno und Co sehr wacker geschlagen und mit viel Fingerspitzengefühl verdeutlicht das es mehr als Zeit war ein neues Extreme Werk auf die Welt loszulassen.

Über den europäischen Bonustrack, das 85er Demo „Americocaine“ kann man denken was man will, ich persönlich finde es eher unnötig im Kontext mit „Saudades De Rock“. Als nette Geste und Geschenk an die Fans ist es aber dennoch etwas Erfreuliches.

„Saudades De Rock“ ist ein Pflichtalbum und ein absolutes Muss für Rockfans. Technisch und gefühlvoll, voller Esprit und Leidenschaft....kaum ein positives Attribut wird vermisst und das Comeback darf zumindest in kreativer Hinsicht als Erfolg verbucht werden. Lasst uns das übrige tun um es auch auf kommerzieller Ebene ein Gelungenes werden zu lassen.



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